Gefangen in Libyen?

22/03/2011

Warten auf den verschwundenen Imam

Der 1978 verschollene schiitische Geistliche Mussa al Sadr soll noch am Leben sein – in einem libyschen Gefängnis. Die Hizbullah verehrt ihn als „Führer“ und „Vater“. Wegen seines Verschwindens wird in Beirut gegen Muammar al Gaddafi verhandelt.

Von Markus Bickel

22. März 2011 2011-03-22 13:26:47

Die Tochter ist voller Hoffnung, ihren Vater endlich wiederzusehen. „Unseren Informationen nach ist er am Leben, in einem Gefängnis in Libyen“, sagt Houra al Sadr. Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen, seit der iranisch-libanesische Geistliche Mussa al Sadr bei einem Aufenthalt in Libyen verschwand. Ein Lebenszeichen erhielten weder die in Teheran lebende Tochter noch die im Schwester im Libanon. Doch der Krieg in dem nordafrikanischen Land hat Bewegung in den Fall des einstigen Führers der libanesischen Schiiten gebracht.

Der Anwalt der Familie, Chibli Mallat, sagte dieser Zeitung, er sei sich sicher, dass die Wahrheit bald ans Licht kommen werde und der Imam befreit werden könne: „Das Auftauchen politischer Opponenten Gaddafis dreißig Jahre nach ihrem Verschwinden im Gefängnis bestärkt uns in unserer Hoffnung.“ Seit Beginn des Aufstands gegen Muammar Gaddafi im Februar sind in vielen schiitischen Gegenden des Libanons Plakate mit dem markanten Konterfei al Sadrs aufgehängt worden. Der große, charismatische Geistliche, der stets mit dem schwarzen Turban auftrat, der ihn als Nachfolger des Propheten Mohammed ausweist, inspirierte in den siebziger Jahren die schiitische Gemeinschaft im Libanon, ihre Geschicke in eigene Hände zu nehmen. 1974, am Vorabend des Bürgerkrieges, gründete er die „Bewegung der Entrechteten“, aus der ein Jahr später die Amal-Miliz als Gegengewicht zu christlichen und palästinensischen Kampfeinheiten hervorging.
XXDass al Sadr, der heute 82 Jahre alt wäre, tatsächlich noch am Leben sein soll, wird in Libyen allerdings auch bezweifelt. Anders als Sadrs Tochter glaubt der libysche Botschafter bei der Arabischen Liga, Abdel Monem al Huni, nicht an ein Überleben des schiitischen Geistlichen. Der abtrünnige Diplomat sagte der Tageszeitung „Al Hayat“, Gaddafi habe al Sadr 1978 töten und in der Stadt Sabha begraben lassen, gemeinsam mit zwei Begleitern. Al Hunis Schwager, der Pilot von Gaddafis Privatjet, hätte die Leichen dorthin gebracht.

Im Sommer 1978 war al Sadr mit Scheich Mohammed Jakub und dem Journalisten Abbas Badreddine zu Gesprächen mit Offiziellen nach Tripolis geflogen. Am 31. August sollten sie weiter nach Italien reisen, kamen aber nie an. Was der Gründer der schiitischen Amal-Miliz genau in Libyen gemacht hat, ist bis heute unklar. Die Familie vermutet ihrem Anwalt Mallat zufolge, dass Gaddafi eine Fortsetzung des Bürgerkrieges im Libanon wollte, der Imam ihm dabei aber im Wege gewesen sei. Das Regime Gaddafis beharrte lange darauf, die drei hätten einen Flug nach Rom angetreten, seien aber einem Machtkampf innerhalb der schiitischen Gemeinde zum Opfer gefallen.

Im Libanon schenkte man dieser Version nie Glauben. 2009 erhob das oberste libanesische Gericht Anklage gegen Gaddafi sowie 16 seiner Mitarbeiter und lud den libyschen Staatschef als Zeugen vor. Die italienische Justiz erklärte den Fall bereits 2006 für beendet, ohne Beweise für eine libysche Beteiligung zu finden. Als Anfang März in Beirut der Fall abermals vor Gericht behandelt wurde, waren auch zahlreiche Amal-Repräsentanten und Vertreter der Hizbullah präsent. Deren Generalsekretär Hassan Nasrallah hatte schon 2010 behauptet, dass der „Imam des Widerstands“ noch am Leben sei: „Er ist unser Führer und unser Vater.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS

 

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